1753 wurde das Oderbruch von Friedrich II. trockengelegt
und der Boden fruchtbar gemacht. Die Bauern im Bruch
wetteiferten mit den Gütern des Landadels und zur
besseren Erschließung der Region wünschte man sich die
Errichtung einer Eisenbahn. Im Oderbruch betrieb man auch
den Anbau von Rüben und Körnerfrüchten, desweiteren
produzierte man Ziegel und es bestand eine enorme
Viehzucht. Die Errichtung der Bahn war daher sehr
erwünschenswert, da die Zufuhr von Saatgut, Düngemittel,
Kohle, Kalkstein u.s.w. erleichtert werden konnte.
Weitere Vorteile bestanden für die Zuckerfabriken in
Podelzig, Sachsendorf, Tucheband, Gorgast, Golzow,
Friedrichsaue und Thöringswerder .
Andere Gründe für die Errichtung der Bahn waren:
1. Schnelleres und kostengünstigeres Absetzen von
Produkten
2. Schnellere Verbindung in die Reichshauptstadt
Berlin
3. Entstehen von verkehrsgünstigen Umschlagplätzen für
Güter
4. Schnelleres und bequemeres Reisen
5. Zunehmende Mobilität der Menschen
1899 wurde erstmals ein Bahnprojekt in Auftrag gegeben,
das allerdings 1907 von der Provinz Brandenburg abgelehnt
wurde. Die Menschen im Bruch befürchteten, daß ohne die
Bahn die Landwirtschaft zurückgedrängt würde und eine
Abwanderung der ländlichen Arbeiter zunähme. 1908
genehmigte man den Bau einer Bahn, aber nur als
Kleinbahn, weil im Oderbruch der Wohlstand weiter
zurückging.
1910 begann endlich der Bau der Oderbruchbahn. Bis auf
die Höhenunterschiede, die bis zu 30 m betrugen, gab es
keine großen Schwierigkeiten. Die Gesamtsumme betrug 7,3
Millionen Mark. Eine Hälfte der Kosten hatten die
Landkreise zu tragen, die andere Hälfte übernahm die
Provinz und damit der Staat Preußen. 1911 eröffnete man
den ersten Streckenabschnitt ( Fürstenwalde-Müncheberg).
1912 wurde dann der letzte Streckenabschnitt
(Friedrichsaue - Genschmar) eröffnet.
Trotz der hohen Fahrpreise und den langen Wartezeiten
zwischen den Fahrten, waren die Personenwagen ständig
besetzt.
Mit dem 1. Weltkrieg kam es zu Verkehrseinschränkungen,
weil das Personal und Teile der Eisenbahn an der Front
gebraucht wurden.
1917 kam es dann fast zum Stillstand des Verkehrs und
nach dem 1. Weltkrieg war keine Verbesserung abzusehen.
Da die Verwaltung nicht mehr in der Lage war Einnahmen
und Ausgaben im Gleichgewicht zu halten, entstanden
Fehlbeträge bis zu 300000 Mark. Für die Sanierung der
Bahn nahm man ein Darlehen auf, entließ einen Teil des
Personals und veränderte die Fahrpläne. Die Situation
nach den Inflationsjahren änderte sich kaum, obwohl der
Güterverkehr durch den steigenden Absatz zunahm. Die
Ausgaben waren aber immer noch höher als die Einnahmen.
Gründe für diese Transportverluste waren:
1. die allgemeine Wirtschaftsnot, da sich die
Rübenanbaufläche um 40% verringerte und dadurch der
Rüben- und Kohletransport ausfiel
2. die eingeschränkte Bautätigkeit, da Baustoffe und
Wegebaumaterialien wegfielen
3. der Kraftwagen stand in Kokurrenz zur Bahn
4. die Post beanspruchte nicht mehr die Bahn zum
Transport der Pakete und Briefe
Die Betriebsverluste betrugen rund 9,6 Millionen
Reichsmark. Die Situation änderte sich 1936 durch die
kriegsvorbereitende Konjunktur und die Gütermenge stieg
um 39% an. Im selben Jahr erntete man auch mehr Rüben,
wovon die Bahn profitierte und rund 30000 Mark mehr
einnahm.
1938 erhöhte sich der Baumaterialtransport durch das
Wehrmachtsobjekt im Wald Falkenhagen.
Auch das Jahr 1944 war vorteilhaft für die Bahn, da die
Kraftfahrzeuge unter Treibstoffmangel litten. Doch die
wirtschaftliche Überlegenheit spielte nur eine
untergeordnete Rolle, da die Bahn hauptsächlich für den
Transport von Kriegsmaterialien eingesetzt wurde.
Die Wehrmacht betrieb im 2. Weltkrieg eine Giftgasproduktion in den unterirdischen Anlagen im Wald von Falkenhagen. Experten meinen dazu, daß etwa seit Beginn 1944 Vorprodukte des hochgiftigen Kampfstoffes Sarin dort hergestellt wurden. Dabei soll es sich um ein rüstungswichtiges Vorhaben gehandelt haben. In einer mit dem 4. Januar datierten geheimen Reichssache an das Heereswaffenamt ging es um die Errichtung der „Munitionsanlage Ost". Darin wurde die Auflage erteilt, daß sie an die Oderbruchbahn anzuschließen ist. 1942 begann der Bau der Anschlußbahn vom Bahnhof Briesen ans Werk. Auf dem Bahnhof Briesen wurde ein zusätzliches Gleis verlegt und ein alter Güterschuppen durch einen Luftschutzbunker ersetzt. Nun konnten Züge über das Netz der Reichsbahn direkt bis in die unterirdischen Anlagen des Werkes fahren. 1945 wurde der Betrieb eingestellt und die Gleisanlagen nach dem Krieg demontiert.
Kurz vor Kriegsende, ab Januar 1945, lag die Oderbruchbahn im unmittelbarem Kampfgebiet. Es gab keinen Streckenabschnitt, der von der Zerstörung bewahrt blieb. Die Folge waren mehrjährige Unterbrechungen des Eisenbahnbetriebes. Die Kämpfe hatten das Oderbruch verwüstet und die Anlagen der Oderbruchbahn waren zu großen Teilen zerstört oder beschädigt. Acht der 27 Empfangsgebäude waren total zerstört. Brücken, Durchlässe und Schienenstränge waren während der Kampfhandlungen gesprengt worden. Von den insgesamt 30 Eisenbahnbrücken waren 23 nicht betriebsfähig. Von rund 100 km Strecke waren nur noch 45 km befahrbar. Im März 1947 wurden dann die wiederaufgebauten Streckenabschnitte im Oderbruch vom Hochwasser zerstört.
Die Streckenabschnitte, die noch befahrbar waren, wurden
notdürftig erhalten und genutzt.
In den 60er Jahren enstand jedoch für das Nebenbahnnetz in
Brandenburg eine neue Situation. Die Existenz von
Nebenbahnen wurde von der Reichsbahn der DDR in Frage
gestellt. Die Entwicklung im Straßenverkehr führte zur
verringerten Ausnutzung der Bahnen. Hinzu kam der
schlechte technische Zustand der Anlagen und
Betriebsmittel. Für den Betrieb entstanden täglich neue
Probleme. Entgleisungen duch den Oberbauzustand und
verlängerte Fahrzeiten durch die zu schlechten
Streckenabschnitte gehörten zum Alltag. Als eine der
ersten Kleinbahnen wurde für die Oderbruchbahn eine
Stillegung in Betracht gezogen. Danach geschah die
Stillegung der Bahn etappenweise. 1965 wurde der
Reiseverkehr zwischen Müncheberg und Hasenfelde
eingestellt. 1966 erfolgte dann die Stillegung zwischen
Dolgelin und Wriezen.
Eisenbahnanschlüsse, die noch von
Nutzen waren, wie z.B. in Groß-Neuendorf (stärkere Nutzung
von Binnenschiffahrt) und Alt-Bliesdorf (Zuckerrohrfabrik
Thöringswerder) blieben vorerst bestehen. Der restliche
Verkehr wurde stillgelegt.
