Im Folgenden wird die Industrialisierung Berlins von 1815 bis 1900 erörtert und am Beispiel des Eisenbahnkonzerns Borsig vertieft.
Am Anfang des 19. Jahrhunderts war Berlin vor allem als Haupt- und Residenzstadt von Preußen bedeutend.
Die typisch militärische Bürokratie Preußens verhinderte eine frühe und schnelle Industrialisierung in Berlin und Umgebung. Obwohl Berlin auch als Manufakturzentrum bekannt war, fehlte im Wesentlichen das
freie Unternehmertum und eine fortschrittsfreundliche Zoll- und Steuergesetzgebung, welche ein rasantes Wirtschaftswachstum hätten vorantreiben können.
Allerdings erfüllte Berlin trotzdem wichtige Voraussetzungen für ein Industriezentrum, wie die zentrale Lage in Preußen, eine ausgebaute Infrastruktur,
ein entwickeltes Bildungswesen und gute Fernhandelsbeziehungen. So veranlasste die preußische Regierung den Import von Dampfmaschinen aus England, wobei 1815 sogar
erste Dampfmaschinen aus eigener Produktion hervorgingen.
Die Sektoren Industrie, Handel und Dienstleistung stiegen allmählich an, wobei sich
zunehmend auch in Berlin eine 2-Klassengesellschaft herausbildete, die aus Arbeitern und Jungunternehmern bestand. In dieser Phase absolvierte August Borsig sämtliche
Bildungsinstanzen (u.a. 1819-23 Lehre als Zimmermann in Breslau, 1823 Stipendium an Technischer Hochschule
in Berlin). Bereits in dieser Zeit erkannten wichtige Berliner Unternehmer
das Talent August Borsigs. Seine Interessen lagen vorrangig im Maschinenbau.
Nebenbei arbeitete er schon als Ingenieur in vielen jungen Unternehmen. Nachdem er sich
durch seine Dienste einen Namen gemacht und auch ein wenig Kapital angehäuft hatte,
beschloss er 1836 ein eigenes Unternehmen zu gründen. Borsig kaufte sich für
10000 Taler vor dem Oranienburger Tor ein Grundstück und baute mit Hilfe von
Leihgaben seiner Freunde eine Fabrik. Er begann mit der Produktion von Schrauben und
Schienen. Von 1837-40 erarbeitet er sich durch Zuverlässigkeit und Qualität
einen lobenswerten Ruf in ganz Berlin und Brandenburg, der seinem Unternehmen viele
Aufträge bescherte. Während dieser Zeit verzeichnete das Fabrikwesen in Berlin
vor allem im Textilgewerbe und Maschinenbau starke Zuwächse. Durch die Gründung
des Zollvereins 1834 dehnte sich der gesamte Absatzmarkt aus. Die beschleunigte
Industrialisierung war auch dem typisch preußischen Patriotismus zu verdanken,
weswegen Berlin allmählich zur Metropole aufstieg. Weiterhin verzeichnete die
Stadt einen enormen Bevölkerungszuwachs, der vor allem auf die Landflucht aus den
landwirtschaftlich geprägten Gebieten Brandenburgs zurückzuführen war.
Bereits 1849 hatte Berlin 200000 arbeitsfähige Bewohner. Allerdings verschlechterte
sich die Situation der Arbeiterklasse bedeutend. Durch ein erheblichen Wohnraummangel kam
es zu Mieterhöhungen. Es entstanden Ghettos. Für August Borsig und sein
Unternehmen kam in den 40er Jahren der große Durchbruch. Bereits 1840
beschäftigte sich Borsig erstmalig mit dem Lokomotivbau, wofür sein Betrieb
später weltbekannt werden sollte. Anfänglich forschte er hauptsächlich an
Loks aus England und Amerika und patentierte selbst entwickelte Verbesserungen. 1841
baute Borsig seine erste Lokomotive und überzeugte die preußische Regierung
durch eine siegreiche Wettfahrt gegen ein englisches Modell von seiner Arbeit. Schon 6
Jahre später lief die 100. Lok vom Band. August Borsigs Modelle fanden in ganz
Deutschland reißenden Absatz. Wegen Platzmangel eröffnete er 1847 seine 2.
Fabrik in Moabit. Das Unternehmen nahm auch Aufträge für Eisenbahnbrücken,
Hallen und Vieles mehr entgegen. Borsig hatte starken Anteil an der Entwicklung des
Lokomotivwesens in Preußen. 1856 begann der Bau der zentralen Wasserversorgung in
Berlin, welche u.a. Zeichen für den aufstrebenden Wohlstand der damaligen Zeit ist.
Weiterhin wurde die Infrastruktur verbessert. Durch den Bau von Straßen,
Wasserkanälen und Schienen wurde Berlin zentrales Handelszentrum Ostdeutschland.
In der Stadt entwickelte sich außerdem ein populäres Börsen- und
Bankwesen. Die Frauenarbeit gewann an Bedeutung. Auch für Borsig begannen glorreiche Jahre.
Von 1850-60 wurde sein Unternehmen weltbekannt. Unter anderem wurde er vom
preußischen König für die Leitung des Baus der Kuppel des Staatsschlosses
geehrt und pflegte freundschaftliche Verhältnisse zu Humboldt und vielen bedeutenden
Industriellen. Durch die Eröffnung seiner Eisenschmelze fertigte das Unternehmen alle
Einzelteile für den Lokomotivbau selbst und stellte 1854 die 500. Lok fertig.
Das Unternehmen beschäftigte damals 1800 zufriedene Mitarbeiter,
welche hauptsächlich in den von Borsig erbauten Wohngebieten lebten. 1854 verstarb
Borsig plötzlich unerwartet durch einen Schlaganfall. Sein Sohn Albert übernahm
das Unternehmen und führte es bis ins 20.Jahrhundert zu einem der weltweit
größten Lokomotivbauunternehmen. Einen großen Aufschwung erlebte es
nochmals während der Gründerjahre (1871-72), die auch in Berlin zu einem
enormen Wirtschaftswachstum (250 Gründungen von Großbetrieben). Durch eine
überschussproduktion kam auch in Berlin 1873 zu dem sogenannten Gründerkrach,
unter dem die Arbeiterschaft zu leiden hatten. Viele Getriebe gingen Konkurs und nur
wenige hielten die 10 Jahre der Folgen des Gründerkrachs durch. Erst ab 1880
stabilisierte sich die Lage allmählich. Bis 1900 entwickelten sich viele neue
technische Errungenschaften, wie das Telefon, die Stadtbahn und das Stromnetz.
Berlin verzeichnete in 100 Jahren die Entwicklung von einer Residenzstadt zu einem
wirtschaftlichen Industriezentrum.