Die Veränderung von Raum und Zeit durch die Eisenbahn

Im 19. Jh. hatten die Menschen noch große Vorbehalte gegenüber der Fortbewegung mit der Eisenbahn. Dieses neue Verkehrsmittel erreichte eine, für damalige Verhältnisse, unvorstellbare Geschwindigkeit. Die ersten Eisenbahnen in England erreichten eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 32 bis 49 km/h, was ungefähr der dreifachen Reisegeschwindigkeit einer Postkutsche entsprach. Folglich wurde eine gegebene Strecke in einen Drittel der Zeit zurückgelegt. Diese zeitliche Verkürzung wurde im 19. Jh. in der Regel als Schrumpfung des Raumes gesehen. So sprach man in einem Artikel von "Quarterly Review" (1839) von der allmählichen und vollständigen Vernichtung des Raumes und der Entfernung, welche man als Grenze zwischen den Nationen der Welt angesehen hatte. Würde man in England ein flächendeckendes Eisenbahnnetz anlegen, so würde sich die ganze Bevölkerung in Bewegung versetzen und ihre Wohnorte zeitlich betrachtet zwei Drittel näher an die Hauptstadt rücken. Noch größere Beschleunigungen könnten diesen Vorgang verstärken, die Fläche von England würde sich zu einer riesigen Metropole ammenziehen. phantastischer erscheint die zeitliche Verkürzung als räumliche bei Constantin Pecqueur. So erschien in "Economie Socaile" von 1838 der zeitliche geschrumpfte Verkehrsraum als neue Geographie Frankreichs, eine Geographie, die sich an der Geschwindigkeit orientierte.

Die Epoche der Vororte beginnt mit der Vernetzung der Eisenbahn. Lardners sagte (1851) "Es ist heutzutage nicht ungewöhnlich, dass Geschäftsleute, die im Zentrum der Hauptstadt arbeiten, mit ihren Familien 15 bis 20 Meilen außerhalb der Stadt wohnen. Trotzdem können sie ihre Geschäfte, Kontore und Büros früh am Morgen erreichen und ebenso wieder nach Hause zurückkehren. Daher haben Menschen um die Hauptstadt, überall wo es ein Eisenbahnnetz gibt, Wohnungsgebiete angesiedelt, und ein beträchtlicher Teil der ehemaligen Londoner Bevölkerung lebte in diesen Gebieten." Die neue Verkehrstechnik prägte den Verlust der Entfernungswahrnehmung. Die Eisenbahnschienen wurden durch die Natur gebaut, die Natur wurde der Eisenbahn angepaßt. Die Eisenbahn kannte nur Start und Ziel die herrschenden Umweltfaktoren waren egal. Die Kutsche wurde durch Faktoren wie Temperatur, Niederschläge, Beschaffenheit des Weges beeinflußt, weshalb der Reisende die Umwelt, die er durchreiste intensiver als bei der Eisenbahn wahrnahm. Die jüngeren Generationen standen der Eisenbahn nicht so ängstlich gegenüber. 1871 wurde ein Eisenbahnnetz durch ganz Europa geschaffen, welches die wichtigen Orte miteinander verband. In besser gestellten Kreisen wurde die Reisemöglichkeit mit der Eisenbahn öfter genutzt, es verschaffte den Menschen die Chance schnell und bequem an entfernte Orte wie an die Nordsee oder das Mittelmeer zu gelangen. Die neuen Möglichkeiten ließen ein neues Bewußtsein entstehen, das die Eisenbahn akzeptierte.

In London eilte die Zeit 4 Minuten der Zeit in Reading voraus, siebeneinhalb Minuten früher als in Cirencester, 14 Minuten früher als in Bridgewater. Diese Unterschiede störten niemanden, da der Transport sehr langsam voranging. Aber die räumliche sowie zeitliche Verkürzung brachte eine Menge Probleme mit sich, was das Erstellen eines überregionalen Fahrplan unmöglich machte. Die verschiedenen Zeitzonen sowie die unterschiedlichen Schienennetze der einzelnen Bahngesellschaften waren nur einige Probleme.

Ab 1840 beschlossen Gesellschaften miteinander zu kooperieren. Sie wollten ein einheitliches Schienensystem und eine einheitliche Zeitrechnung einführen. Folglich verbesserte sich das Eisenbahnnetz und die Eisenbahnzeit wurde vereinheitlicht und von der Bevölkerung angenommen. Die Eisenbahnzeit wurde um 1880 in England als Standardzeit eingeführt.

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