Der Osten ruft
Am Morgen des 21. Februars 2009 fanden sich elf Schüler und Schülerinnen der Jahrgangsstufen 11 und 12 unserer Schule in Begleitung von Frau Wilpert ihres Zeichens Russischlehrerin und Philippe Cascaras von der Vereinigung Bürger Europas am Flughafen Berlin Schönefeld ein, um nach Russland aufzubrechen. Geplant war eine abenteuerliche Fahrt in die russische Stadt Kursk, wo es eine Begegnung zwischen deutschen und russischen Jugendlichen geben sollte. Anlass war es, dass man uns Jugendlichen den Zweiten Weltkrieg in Erinnerung ruft, da sowohl in Seelow als auch in Kursk entscheidende Schlachten des Zweiten Weltkriegs ausgetragen wurden. Und treffender Weise wurde während dieser Woche in Russland auch noch der Feiertag zum Ehren der Verteidiger des Vaterlandes begangen.
Nachdem wir also einen Flug hinter uns brachten, der für manche sogar den Jungfernflug darstellte, blieb uns noch ein mehrstündiger Aufenthalt in Moskau zum Besichtigen von Sehenswürdigkeiten wie dem Roten Platz. Daraufhin begaben wir uns in das Innere eines für uns doch fragwürdig aussehenden Zuges, um mehr als neun Stunden Weg hinter uns zu bringen. Die Meinungen über die Bequemlichkeit des Zuges fielen am nächsten Morgen allerdings zweigeteilt aus. Die Geister schieden sich vor allem über die Auffassung ob gefühlte 30 Grad zum Schlafen angenehm wären.
Nachdem wir dann am Sonntagmorgen in Kursk ankamen und die Gastfamilien kennenlernten, bei denen wir untergebracht waren, folgte eine Woche voller Impressionen und neuer Eindrücke, die uns zum Staunen brachte.
Besonders beeindruckend war wahrscheinlich für alle die kompromisslose Gastfreundschaft, die uns in erster Linie mit Unmengen an Nahrung präsentiert wurde. In Russland heißt es: „Je wertvoller der Gast, desto üppiger die Mahlzeiten!“ und laut diesem Sprichwort waren wir Gold Wert. Kredenzt wurden uns unter anderem bekannte Speisen wie Pizza und Schnitzel wahrscheinlich als Folge der Globalisierung aber auch russische Nationalgerichte wie Pelmeni oder Blinni, die allen schmeckten. Am ersten Abend dachten alle man könne unmöglich eine Woche mit so viel Essen überleben, doch bereits nach zwei Tagen passten sich einige dem neuen Essrhythmus an und tatsächlich verspürte man dann alle zwei Stunden ein Hungergefühl. Somit konnte man umgehen die russischen Gastgeber zu verletzen, denn das schien immer der Fall zu sein wenn man eine Mahlzeit ausschlug. Den Gedanken an die Waage daheim verdrängte man allerdings lieber.
Im Laufe der Woche wurde uns rund um die Uhr ein Unterhaltungsprogramm geboten, das seines gleichen suchte, denn Freizeit war uns ausschließlich am letzten Tag vergönnt. Unter anderem machten wir Stadtbesichtigungen durch die Städte Kursk und Belgorod, Ausflüge zu Gedenkstätten, Museen, Jugendzentren, Bowlinghallen und vor allem Aufenthalte im Institut Mebik, wo wir uns mit Studenten in unserem Alter über den Alltag in unseren Heimatländern oder auch die verschiedenen Schulsysteme austauschen konnten.
Aber natürlich stand im Vordergrund unserer Reise immer die Schlacht am Kursker Bogen. Insgesamt wurde uns wahrscheinlich eher unfreiwillig fast jeden Tag veranschaulicht, wie präsent der Zweite Weltkrieg noch immer in Russland ist. Der schon genannte Feiertag wurde in einem Maße an Patriotismus begangen, der uns als Deutsche völlig fremd war. Im russischen Fernsehen kamen jeden Tag Serien mit ähnlichen Themen, zu mindestens vermute ich das, denn mit dem Schulrussisch war es unmöglich dem Geschehen zu folgen. Allerdings waren die Soldaten in ihren Uniformen unverwechselbar. Aber auch Situationen wie Tränen in den Augen unserer russischen Betreuerin Olga bei der Vorstellung eines Buches, das wahrheitsgetreue Schicksale von Zeitzeugen des Krieges beinhaltet, zeigten uns, dass der Zweite Weltkrieg noch immer der gesamten Bevölkerung im Hinterkopf ist. Nicht um sonst ist die russische Übersetzung nicht Zweiter Weltkrieg sondern „Großer Vaterländischer Krieg“. Doch diese Erlebnisse brachten natürlich auch uns zum Grübeln, was wohl kaum ein negativer Effekt der Reise gewesen sein kann in meinen Augen.
In Kontrast zu diesen Erfahrungen gab es natürlich auch Spiel und Spaß! Man stellte uns zum Beispiel das Planspiel „Communication“ vor, das am Institut entwickelt wurde, um fremden Menschen den ersten Schritt auf einander zu erleichtern. Es bestand aus drei Phasen, die Geist, Körper und Teamfähigkeit forderten. Am Ende wurden uns sogar Medaillen und Pokale überreicht, um unseren Einsatz zu würdigen.
Durch dieses volle Wochenprogramm verging die Zeit ziemlich schnell und so näherten wir uns immer mehr dem letzten Tag in Kursk, den man mit einem gemeinsamen Abendessen ausklingen ließ. Natürlich wurde auch hier nebenbei für Unterhaltung gesorgt in Form von Tanz oder auch musikalischer Untermalung durch eine Liveband.
Nichts desto Trotz mussten wir uns gegen 22.00 Uhr auf den Weg in Richtung Bahnhof machen, um ein zweites Mal die provisorischen Betten in einem russischen Nachtzug zu beziehen. Nach tränenreichem Abschied setzte sich dieser in Bewegung und beförderte uns nach Moskau, wo wir am nächsten Morgen mehr oder weniger munter ankamen.
Allerdings ging unser Flug zurück nach Berlin erst abends und wir mussten uns erneut einen ganzen Tag in Moskau vertreiben. Nachdem wir unser Gepäck einschließen haben lassen, machten wir uns mit der U-Bahn auf dem Weg zum Kreml. Am zweiten Tag in Moskau war das Fahren mit diesen Fortbewegungsmitteln schon nicht mehr so eindrucksvoll. Gigantische Rolltreppen oder auch Türen, die nach 30 Sekunden wieder schließen konnten uns nun kein Staunen mehr Abgewinnen, was wohl auch an der Müdigkeit lag.
Somit waren doch alle froh nachdem wir komplett und gesund am Flughafen Moskau ankamen und somit die Heimat nur noch einen Flug weit entfernt war. Ein letztes Mal russischen Boden berühren, ein letztes Mal russisches Wasser trinken, ein letztes Mal russisch essen und ein letztes Mal russische Worte vernehmen- Dann waren wir zurück in Deutschland und konnten auf eine einmalige Fahrt blicken, die keiner von uns bereute. Deshalb möchten wir uns auch auf diesem Wege bei dem Verein Bürger Europas bedanken, dass uns diese Möglichkeiten geboten wurde in das Land zu reisen, dessen Sprache wir lernen, um so auch Bezug zu dieser zu bekommen.