Die Schüler und ihre Lehrerin Frau Breyer bekamen für diese Aufführung viel Lob und Applaus. Das widerspiegelt auch der von der Märkischen-Oderzeitung vom 15.11.2008 veröffentlichte Artikel zu diesem Abend, der im Folgenden widergegeben werden soll:
Seelow (MOZ)Vor zehn Jahren gründete sich in Seelow die Selbsthilfegruppe Multiple Sklerose.
Das Jubiläum wurde statt mit einer Party mit einer Theateraufführung gefeiert. Schüler des
Kurses "Darstellendes Spiel" der Stufe 12 des Seelower Gymnasiums beeindruckten mit der Premiere
des Stückes "Visionen".
Henry Schlechter sitzt im Rollstuhl. Er schafft es meist, sich mit Stöcken aufrecht zu halten.
1997 bekam der heute 36-jährige Familienvater die Diagnose. "Das hat mich wie ein Hammer getroffen",
gesteht der Küstrin-Kietzer. Er erklärt im Nebenraum des kleinen Saales des Kulturhauses
Stationen der sogenannten Fühlstraße. "Probieren Sie ruhig. Dann brauche ich gar nicht erklären,
wie es uns manchmal geht", sagt er. Viele nehmen das Angebot an, selbst zu testen, wie einfache
Handgriffe im Alltag für MS-Kranke zur Tortur werden können, wie das Schleifebinden, Zuknöpfen,
Messer halten. Die Besucher sollen das mit dicken Handschuhen versuchen.
Marlies Schulz hält einen Arm fest, um schreiben zu können. Die Krankheit hat ihr u. a. ein
Dauerzittern beschert. Die 46-Jährige aus Seelow strahlt dennoch viel Freundlichkeit aus. Man
spürt, dass sich die Mitglieder der Gruppe ihrem Schicksal stellen, dass sie nicht bemitleidet
werden wollen, wohl aber um Verständnis werben. Darum geht es auch bei dieser
Geburtstagsveranstaltung, die so ungewöhnlich ist, wie die Krankheit selbst. Statt Reden der
Versuch des Sich-hinein-Versetzens und ein Theaterstück, das mehr sagt als große Worte.
Viele Male haben sich die Gymnasiasten mit der Gruppe getroffen, haben die Krankheit hinterfragt
und so auch für sich selbst eine völlig neue Welt erschlossen. Dass das für sie nicht nur
Lehrstoffabarbeitung war, beweisen sie in der Vorführung.
Sie erzählt von Elena (sehr glaubhaft gespielt von Christina Päßler), der MS-kranken jungen Frau,
die nach der Diagnose zu kämpfen begann und die jetzt erfolgreich ihr Jura-Examen absolviert
hat. Freunde aus der Selbsthilfegruppe kommen zum Gratulieren. Und die Eltern erinnern sich
beschämt daran, dass sie ihrer Tochter in der Anfangsphase der Krankheit viel zu wenig
Unterstützung gaben.
Das Stück ist trotz seines ernsten Hintergrundes in vielen Phasen sehr unterhaltsam. Da ist
die Sekretärin der Anwaltskanzlei, der jede Arbeit ein Graus ist und die sich lieber die Nägel
poliert (brillant gespielt von Jessica Hamann), der leicht überdrehte Arzt im Krankenhaus,
der etwas begriffsstutzige Gerichtsschreiber oder der großspurige Motorrad fahrende Klient in
der Anwaltskanzlei. Die Darstellung typischer Alltagsmarotten macht das Stück lebendig. So
nimmt der Zuschauer auch das Sich-wieder-Aufrichten von Elena ab, als sie nach einem neuen
Schub im Krankenhaus landet, zunächst verzweifelt und sich dann doch wieder fängt, weil sie
eine neue Aufgabe sieht. Ein Mitpatient will gegen Entscheidungen der Krankenkasse klagen.
Elena kämpft vor Gericht für ihren Klienten und damit auch für sich selbst.
Der lange Beifall der überaus großen Zuschauerkulisse - kein Stuhl war frei geblieben,
einige Schüler saßen sogar auf dem Fußboden - zeigte, dass die Botschaft des Abends angekommen
war. "Eine tolle Idee, so Geburtstag zu feiern", zollte Bürgermeister Udo Schulz der Gruppe mit
ihrer engagierten Vorsitzenden Dolores Kuderski Anerkennung.. Mit sechs Mitgliedern hatte sie
einst begonnen. Heute sind es 22 Frauen und Männer. "Sie helfen Menschen aus der Isolation,
richten sie auf, machen Mut. Dafür ein großes Dankeschön", so Udo Schulz.